Rein rechtlich
Eine Geschichte über die neue Gebührenordnung
Rein rechtlich
Das Wartezimmer ist mäßig voll: Klärchen ist da in ihrem prachtvollen Gelbgrün, Sally sitzt in der Ecke und schaut sparsam aus den Augenwinkeln nach dem Neuankömmling und nun eben Heinzi, der genau weiß, was das hier werden wird. Klärchen ist ganz entspannt und plappert gelegentlich munter drauflos oder ahmt das Geräusch einer quietschenden Tür nach. Als Heinzi schließlich an der Reihe ist, lässt er sich ohne Widerstand ins Arztzimmer führen, schnüffelt ein bisschen am Karteischrank und setzt sich dann unter den metallenen Behandlungstisch. Die Ärztin lässt sich die Symptome beschreiben: eine Verdickung am Bauch, häufiges Lecken und Kratzen, Appetit normal. Sie macht sich ein paar Notizen.
Na, dann schauen wir mal …
Vera nimmt Heinzi auf den Arm, setzt ihn auf den Tisch und hält ihn an der Leine kurz, während die Ärztin den Bauch abtastet, abhorcht, ins Maul und in die Ohren schaut. Mit einer Lupe betrachtet sie die Haut über der Verdickung und macht ein ernstes Gesicht.
Ich punktiere jetzt die Geschwulst.
Heinzi äugt misstrauisch, wie sie sich da an ihm zu schaffen macht, zuckt kurz, als die feine Nadel in sein Fell piekt und dann ist es auch schon vorbei: Leckerli, Heinzi schmatzt.
Nach einer Weile ist die Probe unter dem Mikroskop angeschaut: Heinzi hat einen Mastzelltumor. Vera erschrickt, etwas schnürt sie ein, Heinzi ist ihr ein und alles. Er steht mit ihr auf und geht mit ihr zu Bett, er hält sie in Bewegung und schaut mit ihr die Quizshow im Fernsehen, er lässt sich von Vera das Fell kraulen und schaut sie dabei mit seinen Knopfaugen an. Sie teilt ihr Leben mit Heinzi.
Und jetzt?
Der Tumor kann operiert werden und wenn sich keine Metastasen gebildet haben, wird Heinzi wieder ganz der Alte. Aber man darf auf keinen Fall mit der OP warten.
Vera druckst herum, bevor sie schüchtern nach den Kosten fragt. Für die Operation verlangt die Ärztin 400 Euro und das ist schon ein reduzierter Satz und es ist ja kein kleiner Eingriff: Abklären von Metastasen, die Narkose, der Eingriff mit Helferin, die Nachsorge. Die Gebühren sind letztens angehoben worden. Vera wird schwindelig. Sie hat 570 Euro Rente und bezieht Wohngeld und sparen konnte sie nichts in den letzten Jahren und sie hat überhaupt nicht viel Geld. Wie soll sie 400 Euro aufbringen? Sie beginnt, tonlos zu weinen, nur ihre Lippen zittern ein wenig. Sie kann gar nicht mehr atmen, so sehr drückt es auf ihre Brust. Die Ärztin streicht Vera hilflos über den Arm.
Und wenn man einfach wartet und nichts macht?
Die Ärztin hat nicht richtig verstanden: Keine OP? Dann werden die Metastasen den Körper von innen auffressen, vielleicht drei Monate, vielleicht sechs, aber keine schöne Zeit.
Vera setzt sich auf einen Rollhocker und fällt in sich zusammen. Heinzi sieht sie vom Tisch herab besorgt an, wedelt mit dem Schwanz und will zu ihr auf den Schoß. Die Ärztin hilft ihm hinüber. Vera knüllt ein Taschentuch in der Hand, Heinzi schnuppert daran und macht Pfote-auf-Pfote.
Wenn ich die Operation nicht bezahlen kann, muss Heinzi dann eingeschläfert werden?
So einfach ist das nicht, flüstert die Ärztin und man sieht ihr an, dass sich ihr der Magen umdreht: ich darf nach dem Gesetz ein Tier nicht aus finanziellen Gründen einschläfern, wenn es eine Heilungschance hat.
Aber, aber, es kann doch … ich kann doch nicht … Vera starrt die Ärztin mit offenem Mund in verständnisloser Verzweiflung an.
Rein rechtlich muss ich sogar eine Meldung an das Veterinäramt machen, dort wird dann entschieden, wie weiter verfahren werden soll.
Eine bewegungslose, ratlose Stille macht sich im Raum breit, Vera starrt auf die weiße Wand neben dem Tierkalender, die Ärztin schaut mit gesenktem Blick auf Vera.
Ich gebe Ihnen ein Medikament gegen Schmerzen mit, geben Sie ihm davon eine Tablette am Morgen, wenn Sie merken, dass er sich ungern bewegt, stets müde ist oder wenn er sich erbricht.
Veras Schultern zittern in einem leisen regelmäßigen Zucken und sie krümmt sich nach vorn. Heinzi hopst auf den Boden. Dann schneuzt Vera in das Taschentuch, nimmt das angebotene Medikament, sucht in ihrer Handtasche nach dem Portemonnaie - nein, nein, das passt schon – und geht mit Heinzi an der Leine zur Tür, der tänzelt und freut sich, dass er raus darf.
Bitte kommen Sie jederzeit, wenn …
Auf Wiedersehen, Frau Doktor.
Draußen ist alles wie vorher und trotzdem alles ganz anders. Auf dem kleinen Grünstreifen zwischen Gehweg und Fahrbahn gibt es etwas Wichtiges zu schnüffeln. Drei Monate. Vielleicht sechs.