Manu kann nicht schlafen
Eine Kindergeschichte
Manu muss ins Bett. Papa liest vor, macht das Licht aus, lässt die Tür einen Spalt offen und geht rüber ins Wohnzimmer. Man hört leise die Stimmen aus dem Fernseher.
Da kratzt doch was im Schrank!
Vielleicht Zoe, die Katze?
Manu ruft.
Papa kommt und öffnet die Schiebetür, sieht nach, aber da ist nichts, schau!
Zoe, sagt er, liegt auf ihrem Paradekissen neben der Wohnzimmerheizung und schaut Fernsehnachrichten.
Licht aus, Türspalt.
Draussen ist es dunkel. Diese dunkle Art von dunkel, die auch ein riesiges Loch sein könnte. Vor der Terrassentür, die auf die Veranda hinausgeht, weht der Wind Laub gegen die Scheibe. Zweige greifen vergeblich nach dem fahlen Licht der Straßenlaterne. Die Tür, die bei Tag der kurze Weg in den hellen Garten ist, ist jetzt hoffentlich fest verschlossen.
Da kratzt es doch wieder !
Es kommt ganz sicher aus dem Schrank.
Da ist irgendwas drin, was raus will und deshalb kratzt es an der Tür.
Manu drückt sich in die Kissen und ruft laut, atemlos.
Diesmal kommt Mama, öffnet den Schrank: nichts. Das kleine Licht bleibt an. Türspalt. Nun schlaf aber.
Manu checkt seine Situation. Welches der ihm bekannten Gespenster mag das sein?
1.) Der Roslar? Der ist ja unsichtbar, zumindest für die Erwachsenen. Er wohnt im Scharnier der Kommode. Könnte sein.
2.) Das Bunte Gespenst? Das hat er mal auf dem Dachboden gesehen. Mama meint natürlich, er hat das nur geträumt. Ein über und über mit bunten Lampen behängtes Gespenst. Ihm war heiß und kalt gleichzeitig, als er es sah, genau wie wenn Mama ihn in die Wanne mit heißem Wasser steckt und er sich an die kalte Rückwand lehnt. Das Bunte Gespenst, denkbar wäre es.
Wenigstens gibt es Bellisina, die ihn beschützt. Bellisina ist der Eckzipfel der Bettdecke, wenn man sie wie eine Spritztüte zusammendrückt. Bellisina ist ein zuverlässiger Schutz, sie ist immer da, wenn man sie braucht.
Manu schläft ein.
Spät nachts wird er wach. Es ist fast ganz dunkel im Zimmer. In der Wohnung. Nur die Zweige draussen fingern immer noch nach dem Straßenlicht.
Nein, bitte nicht! Wieder das Kratzen!
Das Ding will da immer noch raus!
Was kann er tun ?
Die Erwachsenen schlafen ja schon.
Rufen? Hören die nicht, wenn die schlafen.
Kann er es schaffen, hinauf ins Elternschlafzimmer zu gelangen?
Lässt ihn Mama oder Papa vielleicht sogar bei sich im Bett schlafen? Das wäre ein Hauptgewinn! Aber - wird ihm das Gespenst nicht nach oben folgen? Ihn unterwegs einholen? Festhalten?
Kann er einfach hier im Bett bleiben und sich mit Bellisina unter der Decke verstecken? Und wenn das Gespenst dann plötzlich die Decke wegreißt?
Alle Möglichkeiten sind gefährlich.
Er entscheidet sich für die Expedition in den ersten Stock. Etwas schnürt ihn ein wie eine zu enge Paketschnur bei einem Weihnachtspäckchen.
Licht machen oder nicht?
Besser nicht, sonst sieht ihn das Gespenst ja sofort, wenn es ihm folgt.
Manu tappt also so leise wie möglich durch die dunkle Wohnung, kennt sich ja blind aus. Da ist er dem Gespenst gegenüber im Vorteil.
Er bleibt regelmäßig stehen, hält den Atem an und lauscht. Die Geräusche sind so ungewohnt. Der Kühlschrank in der Küche surrt. Man hört den Wind draußen. Sind da Schritte? Nein.
Oder das unheimliche Flattern eines Gespensts?
Manu rennt keuchend die Stufen der Treppe hinauf und erreicht das Bett von Papa. Wenn ihm das Gespenst gefolgt ist, lauert es nun im Flur direkt vor dem Elternschlafzimmer.
Er rüttelt an Papa, bis der hochschreckt: da ist wieder das Kratzen.
Papa schaut auf die Uhr, gähnt, seufzt.
Nein, Manu kann nicht ins Elternbett.
Papa geht mit dem enttäuschten Manu hinab ins Kinderzimmer. (Das Gespenst war nicht im Flur vor dem Elternschlafzimmer!)
Man war doch schon in Sicherheit! Nun wieder in die Gefahr im Kinderzimmer zurück? Papa macht das große Licht nicht an. Will ja weiterschlafen, gleich.
Da hören sie es beide: ganz deutlich, ein Kratzen im Schrank!
Nun scheint auch Papa besorgt zu sein. Er holt die Taschenlampe und öffnet vorsichtig und lautlos die Schiebetür, erstmal nur wenige Zentimeter und leuchtet hinein.
an erkennt gar nichts im grellen Lichtkegel der Lampe. Es ist aber auch ein Durcheinander da drin.
lötzlich bewegt sich was. Unter den Sachen, irgendwie.
Papa tastet mit der Hand danach, und … greift in die Stacheln eines Igels!
Ein Heulen zieht durch die Nacht!