Kalt

Eine ungewöhnliche Freundschaft

 

Sie trafen sich zufällig im Supermarkt wieder, sie kannten sich von früher aus einem Seminar. Farah war Nego in Erinnerung geblieben, weil sie alles und jeden in Frage stellte mit ihren politisch überkorrekten Forderungen, die seiner Ansicht nach an den wirklichen Problemen vorbeigingen. Nego hatte zu seinem Sitznachbarn etwas von „Opfergruppenfolklore“ geraunt, aber Farah hatte das sehr wohl gehört und ein Riesenfass aufgemacht. Nego nickte ihr deshalb jetzt etwas distanziert zu, aber Farah sprach ihn an und es entwickelte sich ein Smalltalk. Farah erzählte von ihrem Rechner, der ausgerechnet jetzt Zicken machte, wo sie dringend ihre Hausarbeit fertigstellen musste. Sie blickte Nego mit leicht gesenktem Kopf listig von unten herauf an: „Du kannst nicht zufällig mit zu mir kommen und das Ding wieder zum Laufen bringen?“


 

Farah wohnt in der Altstadt, wo sich die verwinkelten Häuser in den engen Gassen aneinander anlehnen. Ihr Zimmer liegt unter dem Dach. Eine enge Stiege führt hinauf und die blank getretenen Holzstufen knarzen, wenn man darauf tritt. Das Zimmer ist klein, aber es hat eine starke Ausstrahlung, vielleicht, weil es nicht mit Firlefanz überfrachtet ist, eher minimalistisch eingerichtet, vielleicht, weil es eine einfache, klare Sprache spricht. Die Einrichtung ist geschmackvoll, eine der Wände ist mit einem blau gemusterten, feinen Stoff bespannt. Farah setzt sich auf ihr Bett, sie zieht die Beine an, ihre in zehn verschiedenen Farben lackierten Fußnägel leuchten bunt, sie schlingt die Arme um die angezogenen Beine, legt den Kopf seitlich darauf und fragt: „Spielen wir ein Spiel?“ 

Nego murmelt etwas Unverständliches. Er sitzt am Schreibtisch vor dem Laptop und studiert eine Fehlermeldung. 

„Ich stelle dir drei Fragen. Wenn du den Begriff errätst, bekommst du eine Belohnung.“ Als Nego sie fragend ansieht, zwinkert sie mit dem Auge. Nach einigen Momenten ergänzt sie: „Und wenn du die Fragen nicht beantworten kannst, hast du dein Leben verwirkt.“

Beide lachen über den Scherz. Farah denkt eine Weile nach, dann blickt sie zu Nego hinüber: „Erste Frage: Es glüht und es schmeckt.“

Nego, der sich bereits wieder dem Rechner zugewendet hat, hört nur nebenbei zu und zuckt die Schultern: „Keine Ahnung. Glühwein?“

„Nein. Du musst dich konzentrieren! Du bekommst den Preis nur, wenn du das Rätsel löst.“

Nego hält in seiner Arbeit am Rechner inne, wendet sich Farah zu und denkt laut: „Es glüht. Wenn etwas glüht, hält man besser Abstand. Die Sonne? Die Abendsonne scheint auf die vollen, reifen Trauben in einem südländischen Innenhof. Von den noch warmen Terracotta-Fliesen der Terrasse rankt der Wein an der Hauswand hinauf. Die Trauben werden zu Wein, der dann im Glas die letzten Lichtstrahlen des Abends einfängt und nach Sonne schmeckt.“

Farah sieht Nego spöttisch an und schüttelt den Kopf: „Nein. Nicht die Sonne. Auch nicht der Wein.“ 

Nego brummt und wendet sich erneut dem Bildschirm zu.

Wieder denkt Farah eine Weile nach. Dann blickt sie zu ihrem Besucher hinüber, der ihr den Rücken zugekehrt hat: „Zweite Frage: Sie erscheint als Holz und als Geist!“

Nego reibt sich das Kinn: „Sie? Also vielleicht eine Dame? Die Dame im Schach ist aus Holz. Aber sie ist kein Geist. Sie wird bewegt durch den Geist des Spielers. Holz und Geist, ja? Holzgeist. Eine Fee vielleicht, oder nein, eher eine Mume, die in einem dunklen Gehölz wohnt, abseits des Weges? Und die nur hervorkommt, um Wanderer in die Irre zu führen. Und wenn man nach ihr sucht, ist sie fort. Dann ist sie nur noch ein Gesicht in einer Baumrinde?“ 

Farah blickt gedankenverloren in die Ferne und betrachtet dort vermutlich die Bilder, die Nego heraufbeschwört. Doch dann schüttelt sie nachdrücklich den Kopf: „Kalt. Ganz Kalt.“

„Die Jahresringe des Baumes bewahren den Geist der Zeit?“, macht Nego einen weiteren Anlauf, aber als Farah still bleibt, ist klar, das war es auch nicht. Er wendet sich achselzuckend wieder dem Rechner zu, tippt etwas ein, klickt sich durch einige Menus. Die Arbeit macht offenbar Fortschritte, denn Nego bootet den Rechner neu. Die nächste Spielrunde trifft ihn überraschend: „Dritte und letzte Frage: Wenn sie nicht in Schokolade badet, reißt sie vielleicht die Wand ein!“

Nego steht vom Schreibtisch auf, legt sich mit dem Rücken flach auf den Fußboden und starrt an die weiße Decke. „Sie badet in Schokolade? Eine extravagante Dame scheint das zu sein. Zumal sie offenbar auch zur Gewalttätigkeit neigt. Wie reißt sie denn eine Wand ein? Mit Hammer und Meißel? Oh, ich glaube, ich hab’s: das Eis. Das Eis badet in Schokolade. Und als gefrorenes Wasser in den Fugen sprengt es den Stein!“ Erwartungsvoll, ja siegessicher hebt Nego den Kopf und sieht Farah direkt in die Augen. Die hält seinem Blick stand, beide schweigen einige Momente. „Du hast es leider nicht erraten!“, stellt Farah dann in einem nüchternen und abschließenden Tonfall, mit einer abschließenden Geste fest. Der Rechner drüben am Schreibtisch meldet sich betriebsbereit. „Du musst also leider gehen! Ohne Belohnung …“, ergänzt sie spitz.

Nego hält das ganze offenbar für eine scherzhafte Bemerkung, er steht auf, geht zum Bett hinüber und streicht Farah eine Haarsträhne aus dem Gesicht, aber sie wehrt seine Hand mit dem Unterarm ab: „Du musst gehen.“ 

Nego wendet sich abrupt um. „Blödes Spiel“, mault er und fügt mürrisch hinzu: „Der Rechner läuft wieder. Viel Glück mit deiner Hausarbeit!“ Er öffnet die alte, ein wenig schiefe Zimmertür und verlässt das Zimmer. 

Farah ruft ihm nach: „Denk dran: dein Leben ist verwirkt!“ Nego dreht sich halb zur Tür, als wolle er noch etwas antworten. Sein Fuß gleitet auf der von den Jahren glatt polierten Treppenstufe aus und er fällt mit rudernden Armen die Stiege hinab, zuerst mit den Füßen voraus, dann findet er kurz einen Halt, überschlägt sich jedoch und landet krachend mit dem Kopf unten im Geländer. Seine Arme und der Hals sind unnatürlich verdreht. Unbeweglich starren seine Augen die Tapete an. Ganz langsam, wie in Zeitlupe erscheint Farah oben an der Treppe und blickt lange auf Nego herab. Dann setzt sie sich an den Schreibtisch und schreibt weiter an ihrer Hausarbeit.

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