Alte Liebe
Noch eine Liebesgeschichte
Sie trafen sich zufällig zwischen den eng stehenden Metallregalen voller Quengelware. Er hatte sie in der Kassenschlange vorgelassen, weil nur zwei Teile in ihrem Einkaufkorb lagen, und als sie sich bedankte, ergänzte er: „Keine Ursache, dafür bekomme ich die hübschere Aussicht!“ Sie sah ihn mit gemischten Gefühlen an, geschmeichelt und doch auch kritisch, ungläubig, denn diese Zeiten und solche Momente waren lange her. Er zwinkerte ihr verschwörerisch zu und sie sah die Furchen in seinem Gesicht, die lauter Lachfalten waren. Stillschweigend teilten sie die Gewissheit, dass sie keine Zeit zu verlieren hatten, und verabredeten sich für den nächsten Tag in einem gleichaltrigen Café. Als er sie dort in der vergilbten Einrichtung an einem Tisch in der Ecke entdeckte, spürte er dieses längst vergessene Entzücken. Das hypnotische Makeup ihrer Augen, ihre unaufdringliche Eleganz, das Aufleuchten ihres Gesichts, als sie ihn kommen sah, waren das Letzte, an das er sich nachher erinnerte. Worüber hatten sie geredet? Wie lang saßen sie dort? Er kam wieder zu sich, als er ihr gerade in den Mantel half und ihren Duft nach Herbstwald wahrnahm. Ihr Blick blitze ihn an, als sie sich wie choreographiert in den Mantel drehte.
Jetzt gehen sie eng nebeneinander unter seinem Schirm die regnerische Straße entlang. Regentropfen erzeugen zahllose Kreise in den Pfützen, die sie lachend umkurven. Gesichtslose Autos rauschen an ihnen vorbei, Ampellichter werfen bizarre Farbmuster auf den nassen, narbigen Asphalt. Unvermittelt hält sie inne und steht nun mitten in den Fäden des milchigen Regenvorhangs, ihr plötzlich regennasses Gesicht sieht ihn an und fragt: „Wollen wir zusammen schlafen?“ Sie küsst ihn.
„Ich…“, fällt ihm ein, und noch: „Du …“ Er küsst sie lange zurück. Dann sieht er nachdenklich in die Augen mit den feuchten Wimpern direkt vor ihm. Er denkt an die Krampfadern an seinen Waden, an die Pergamenthaut seiner Arme und die Hände mit den ersten Altersflecken, an sein schütteres Haar. Als nächstes drängt sich seine Schürze in sein Bewusstsein, wie er seinen Bauchansatz nennt und er flüstert: „Du bist schön. Aber ich bin ziemlich unansehnlich, glaub mir.“
Sie flüstert verschwörerisch zurück: „Ich habe Übergewicht, Zellulitis und Fledermausarme.“
Ihr gemeinsames Kichern perlt wie Sekt in einem Glas.
Er brummelt vor sich hin: „Ohne Brille sehe ich nichts.“
Sie lacht kurz und hart auf: „Gut! Übrigens, ich habe Rücken, Bandscheibenvorfall, vom Leistungsturnen im Bett bin ich mit Attest befreit.“
Wieder giggeln beide, können gar nicht aufhören und setzen lachend ihren Weg um die Pfützen fort. Einige Momente später stoppt sie wieder ihre Schritte mit einem Griff an seinen Arm: „Hey, weißt du was? Wenn wir es jetzt nicht tun, besser wird es nicht mehr werden.“ Sie gehen schweigend ein längeres Stück, enger aneinander geschmiegt unter dem Regenschirm und hängen ihren Gedanken nach, bis sie vorschlägt: „Wir könnten uns einen Dark Room schaffen, völlig abgedunkelt. Dort treffen zwei wunderschöne, begehrenswerte Menschen aufeinander und lieben sich?! Komm mit zu mir! Ich habe Rollos am Schlafzimmerfenster, da siehst du nicht die Hand vor Augen.“
Als sie in ihrer Wohnung ankommen, steigt sie in einer eleganten Bewegung aus ihren hohen Schuhen und ihre lackierten Fußnägel erleuchten den Flur in einem kribbelnden Rot. Er betrachtet die Wohnzimmereinrichtung, wo Bobby Womacks Stimme sich unter seine Haut schmeichelt, während sie mit zwei Drinks aus der Küche kommt. Sie prosten sich zu und sehen sich dabei vielsagend in die Augen. Ihm fällt siedend heiß ein, dass sein Schrumpelmann eine Anschubfinanzierung brauchen wird und er fingert diskret sein Portemonnaie aus der Gesäßtasche, in das er vor Jahren eine dieser hilfreichen Pillen eingelegt und dann vergessen hat. Er wird ihrer habhaft und entschuldigt sich kurz in Richtung Badezimmer. Während er sich im Badspiegel zuschaut, wie er die Tablette schluckt, schießt ihm in den Sinn: wie ist das heute mit der Intimrasur? Man hört ja dies und das. Aber für eine systematische Recherche in einschlägigen Kanälen ist es nun ein bisschen spät.
Er kehrt ins Wohnzimmer zurück, tritt hinter sie und seine starken Hände fassen ihre verspannten Schultermuskeln, so dass sie seufzt und wie eine losgelassene Marionette ihren Kopf nach vorn sinken läßt. Sie verabreden ein Protokoll. Das Schlafzimmer ist ein Raum mit vollständiger Verdunkelung, die Rollos sind geschlossen, es gibt keine Lichtquellen, der Wecker mit seinen rotglühenden Digitalziffern wird auf seine Gesichtsfläche gedreht. Eingehüllt in samtige Soulklänge sitzt er dann in einem der Wohnzimmersessel, nippt an seinem Drink und hört sie ins Badezimmer tappsen. Die Dusche rauscht. Als sie in einem Frotteebademantel ins Schlafzimmer verschwindet, ruft sie unmissverständlich über die Schulter: „Du bist dran!“
Er duscht warm und ausgiebig und spürt förmlich, wie ihre erotischen Füße hier noch vor wenigen Minuten in der Wanne gestanden haben. Ebenfalls in einen Bademantel gehüllt, der neben dem frischen Handtuch für ihn auf der Wäschekommode bereit gelegen hat, kommt er ins abgedunkelte Schlafzimmer, nur eine Sekunde ist seine Silhouette in der hellen Türöffnung zu sehen. Er tastet sich durch den dunklen, unbekannten Raum vor, bis er sich das Schienbein am Bett anstößt, und legt sich neben den erwartungsvollen Frauenkörper.
Sie ist voller überraschender Leidenschaft, küsst ihn wild und er stellt sich ihren Mund vor, rot und schön geschwungen und so voller Leben. Er sieht in seiner Vorstellung ihre geschlossenen Augen vor sich, die vor Glück lächeln. Nach tausend Küssen murmelt er: „Zuviel Textil im Spiel.“ Sie kichert wie ein Schulmädchen, als er ihren Bademantel öffnet. Seine suchende Hand dirigiert sie auf ihre Brust, ihre Brüste sind klein und ihre Brustwarzen voller Erwartung. Er spürt, wie sie zittert und lässt es geschehen, lässt ihr die Zeit. Ihre Hände wirken zierlich wie bei einer Porzellanfigur, als sie seufzend seine harten, muskulösen Oberschenkel berührt. Wenn er mit seiner Fingerkuppe leicht über ihren Unterarm streicht, spürt er die feinen Härchen. Voller Vorfreude – „Oh!“ – entdeckt ihr Ellenbogen wie zufällig die Ausbeulung des Bademantel zwischen seinen Beinen. Er küsst sich von ihrem kleinen, reizenden Bauchnabel über die zarte Haut ihres Bauches hinab, seine Zunge durchkämmt das himmlisch weiche Schamhaar und erkundet den Eingang zu ihren verlockenden Geheimnissen. Sie stößt ein paar kleine, spitze Schreie aus und denkt, hoffentlich hört das die Nachbarin. Da ist noch viel Raum für Abenteurer, unkartographierte Regionen, in Vergessenheit geratene tropisch Regenwälder, schwüle Nachtschatten. Mitten in diesem dunklen Rausch fassen seine behaarten Hände ihre wohlgeformten Hüftknochen, die einen guten Halt bieten und er dreht ihren entgegenkommenden Körper auf den Bauch. Mit seinem ganzen Gewicht legt er sich auf ihren geschwungenen Rücken und raunt ihr zu: „Wir kommen zur Abstimmung! Wer ist dafür … ?“ Sie hebt im Dunkeln ihre Hand, was er nicht sehen kann, aber mit jeder Faser seines Körpers spürt. „Das Ergebnis der Abstimmung ist einstimmig“, stellt er fest. Ihr gelegentliches, sehnsuchtsvolles Seufzen verstummt wenige Momente später überraschend und geht in einen Laut über, der der Nachbarin sicher nicht entgehen kann, ein ergebenes, langgezogenes Klagen, das direkt aus ihrem Bauch zu dringen scheint und voluminös das Dunkel des Raumes erfüllt. Sein schlecht rasiertes Kinn reibt sich an ihrem Rücken der katzbuckelt und versucht spielerisch, ihn abzuwerfen wie eine junge Stute, aber er krallt sich an ihren Beckenknochen fest und dirigiert sie nach seinem Belieben. Sie ergibt sich in sein Fordern und die Bewegungen ihrer Körper werden fließend. Nach einer Weile windet sie sich überraschend aus seinen Armen und drängt sich auf ihn, sie stützt sich auf seine Brust, und während ihr Unterleib den seinen verschlingt, wispert ihre heisere Stimme: „Wo warst du?“ Sie trommelt liebevoll mit ihren Fäusten auf seine Brust bis er ihre Handgelenke zu fassen bekommt und festhält. Sie reiten gemeinsam ein wildes Pferd durch die Brandung, schließlich lässt sie sich wie von Krämpfen geschüttelt auf ihn fallen, und er umarmt sie, fängt sie auf. Als sie heftig atmend auf seiner Brust zur Ruhe kommt, spürte er, wie sie weint. Ihre Schultern bewegen sich dabei kaum spürbar wie der Flügelschlag eines Schmetterlings.
Er erwacht davon, dass sie sich behutsam aus seinen Armen dreht, im Stockdunkeln nach einem der Bademäntel fahndet und als Schattenriss in das Flurlicht verschwindet. Als er irgendwo in der Wohnung das Klappern von Gerätschaften hört, öffnet er die Schlafzimmertür einen Spalt und schlüpft, als die Luft rein ist, ins Bad, um sich anzuziehen. In der Küche begegnen sie sich wieder, wo sie an einer Art Tresen sitzt, das Kinn auf eine Hand gestützt, und ihn zugleich neugierig und amüsiert ansieht. Sie trägt eine ausgebeulte Jogginghose und einen zu großen Kapuzenpulli und ihre Haare sind nur provisorisch zusammengesteckt. Er setzt sich neben sie und ihre vom Alltag stumpfe Hand schiebt ihm ihre Tasse mit Tee herüber. Als hätten sie sich nie zuvor gesehen, blicken sie sich eine Weile schweigend an, bis sie fragt: „Wo warst du?“ Alle seine Lachfalten formen sich zu einem Lächeln und da lehnt sie ihren Kopf an seine Schulter.