Abwasch oder Weltfrieden?
Die Geschichte von einem fliegenden Teppich.
Am Kühlschrank, mit einem Magnet angeheftet, hängt der Flyer: Vernissage. Live-Performance des Künstlers, ein aufstrebendes Talent aus der australischen Underground-Szene zu Gast im Frontmotor-Kulturklub. Muss man da hin? Matteo schaut auf das schmutzige Geschirr in der Spüle, den Stapel Altpapier im Flur, im Bad quillt der Wäschekorb über. Alles besser als jetzt hier den Putzteufel aus der Box springen zu lassen. Jacke, Schlüssel. Regnen wird’s nicht und der Spaziergang durchs Viertel in der warmen Abendluft ist Balsam für die Seele. Der Kiosk schließt gerade, der Budenbesitzer mit der Schiebermütze räumt die Zeitungsständer weg. In der Hälfte der Fenster entlang der Straße brennt bereits gelbes Licht. Rentner in beigen Windjacken entleeren ihre misstrauisch äugenden Hunde. An den Wänden der Jugendstilhäuser lehnen vor dem Hochparterre Verhaue aus zahllosen Fahrrädern und Motorrollern als sichtbarer Beweis, dass das Semester begonnen hat. Ein Plakat gegen Entmietung winkt halblebig von einer Haustür mit Kassettendekor, nicht richtig festgeklebt, einer der Klebestreifen hat nicht gehalten.
Die Hände in den Hosentaschen schlendert Matteo in den schäbig-schicken Hinterhof, wo der Kulturklub in einer ehemaligen Autowerkstatt bereits hell erleuchtet ist. Man hat die Wände und Böden komplett weiß gestrichen und die grellen Deckenlampen projizieren durch die Fensteröffnungen schiefe Vierecke auf das aufgesprungene Hofpflaster. Drinnen ist schon ein bisschen was los, ein paar bekannte Gesichter, freundliches Nicken. Der Aufseher für die Ausstellung sitzt wie immer teilnahmslos auf seinem Stuhl neben dem Eingang bei den Prospekten und Flyern. Eine Reihe großformatiger Bilder ist professionell mit unsichtbaren Nylonfäden an den getünchten Wänden aufgehängt, die kräftigen Farben sägen einen scharfen Kontrast in das Blickfeld. An der improvisierten Bar holt sich Matteo gerade ein Bier, als der aufstrebende Künstler von der Kuratorin vorgestellt wird. Sie erklärt sein Konzept: „Heute wird er für uns live ein Bild malen, während seine Augen von einer Video-Brille und seine Ohren von schalldichten Kopfhörern bedeckt sind. In den Video- und Audiokanälen werden Inhalte eingespielt, die unseren Medienkosmos ausloten, und ihr könnt an dieser Reihe von Schaltern“, sie deutet auf eine elektrische Installation, „beeinflussen, was der Künstler sieht und hört. Wir verfolgen das als Zuschauer hier parallel auf dem Monitor.“ Die Dame schaut kurz auf ihren Spickzettel. „Dieser technische Filter ist natürlich eine Anspielung auf die Rezeption der medialen Realität unserer, ich darf wohl sagen, an Konflikten nicht gerade armen Welt und erfindet den Bruch neu, mit dem wir uns aus der Eierschale unserer Weltsicht, aus dem Kokon unserer Erwartungen befreien.“
Matteo sieht zu, wie der junge Mann blind und taub gegen seine Umwelt je zwei Pinseln in jede Hand nimmt und wirre Farbspuren auf einer Leinwand erzeugt, während manche von den Zuschauern immer wieder die Schaltknöpfe bedienen. Auf dem Monitor der Besucher wechseln in flackernder Abfolge Fernsehbilder von einem Friedhof in Teheran, von einer LGBTQIA+ Demo in Moskau, man sieht Kinder auf einem tristen Spielplatz zwischen Betontürmen, dann wieder ein vertrocknetes Flussbett, Aufnahmen von der Bordkamera einer Drohne folgen auf Modebilder von beängstigend mageren Mädchen. In den Gesichtern des Publikums spiegeln sich Euphorie oder Skepsis, manche starren gebannt, manche höflich auf das Geschehen, andere beginnen die Köpfe zusammenzustecken und leise über die bizarren, grellen Pinselstriche zu diskutieren, wieder andere schlendern fort zu den ausgestellten Bildern.
Nach einiger Zeit geht Matteo vor die Tür, um zu rauchen. Dort steht bereits eine auffallend hübsche, junge Frau in einer hellen Schlabberhose und einem engen T-Shirt, ein Zigarette anmutig in der Hand. „Was für ein Scheiß“, flüstert sie konspirativ zu Matteo und sieht ihn dabei geradeaus mit zwei rehbraunen Augen an, die dunklen Wimpern leicht geschlossen, als ihr der Zigarettenrauch in die Augen zieht.
Matteo neigt sich ebenso konspirativ zu ihr und raunt: „Er wird überrascht sein, wenn er die Brille absetzt und das Publikum ist bereits geflohen.“
Sie unterdrückt ein Prusten mit der Hand vor dem Mund, dabei fällt ihr eine braune Korkenziehersträhne ins Gesicht. Sie streicht sich die Strähne hinter das niedliche Ohr und fragt ihn mit einer Mischung aus Lächeln und ernstem Gesicht:
„Bist du oft hier?“
„Geht so. Zu Hause wartet der Abwasch auf mich. Da dachte ich noch, Kulturbeiträge über den Weltfrieden seien das kleinere Übel.“
„Wenn ich die Wahl hätte zwischen Abwasch und Weltfrieden, würde ich die dritte Möglichkeit wählen.“ Die Spitze ihrer selbstgedrehten Zigarette glüht im Dunkel des Hofes auf.
„Welche dritte Möglichkeit?“, fragt Matteo und fixiert sie hinter der Glut ihrer Zigarette. Aber sein Gegenüber nickt nur vielsagend.
Matteo betrachtet den anmutigen Hals der jungen Frau, eine Andeutung von feinen Härchen leuchtet im Seitenlicht aus den Sprossenfenstern. „Und du?“, fragt er, „Ich meine, bist du öfter hier?“
„Hin und wieder. Du bist mir neulich schon aufgefallen bei der Fotoausstellung von diesem queeren Pärchen aus der Bronx. Ich bin Jana.“
„Matteo.“
Jana zögert einen Moment, sieht Matteo ein bisschen von unten herauf an und fragt: „Ich habe zu Hause einen fliegenden Teppich, kommst du mit zu mir?“
Matteo sieht das Blitzen in ihrem Blick, denkt: hoffentlich keine magischen Pilze, und zeigt mit einer Kopfbewegung in Richtung Hoftor.
Janas Wohnung ist klein, aber sehr praktisch. Sie kickt ihre Sneaker in eine Ecke im Flur, tappt mit reizenden, kleinen Füßen in die Küche und werkelt. An der Wand hängen an den Ecken ausgefranste Plakate, ein Bluesmusiker wird darauf angekündigt für eine vergangene Zukunft, ein Puppentheater, ein Violinkonzert. „Ich mache uns Mitternachtsspaghetti. Meine Abendspaghetti sind so-la-la, aber meine Mitternachtsspaghetti sind große Klasse. Machst du mal den Wein auf?“ Matteo sieht sie an, wie sie in schlafwandlerischer Sicherheit mit Töpfen, Tellern, Kochgerät hantiert, während sie immer wieder vielsagend über ihre entzückende Schulter zu ihm herüberblickt. Es duftet nach einem angedünsteten Gemisch aus Knoblauch, Oliven und Sardellen.
Beim Essen am kleinen Küchentisch unter der niedrig hängenden Lampe betrachtet Matteo unauffällig die Stupsnase vor ihm und den geschwungenen Mund, der abwechselnd erzählt, Spaghetti einsaugt oder lacht. „Was ist jetzt mit dem fliegenden Teppich?“, fragt er, um nicht einfach nur glotzend dazusitzen.
Jana steht auf, setzt sich bei Matteo auf einen Oberschenkel und sagt ihm vertraulich ins Ohr: „Ich nenne ihn fliegenden Teppich, weil ich darauf beim Lieben so richtig abheben kann. Man hat einen festeren Untergrund, einen besseren Widerstand als auf einer Matratze.“ Sie reibt ihre Wange an Matteos Gesicht und pustet ihm ins Ohr. Er legt seine Arme um sie.
Als sie ihn küssen will, weicht er zurück: „Ich muss dir was sagen.“
Jana lehnt sich ebenfalls zurück, ausdrücklich überrascht, und betrachtet sein Gesicht prüfend aus einiger Entfernung: „Du bist verheiratet und hast siebenundzwanzig Kinder!“
„Nein, ich…“
„Du bist schwul und vermutest, dass ich kein Mann bin?“, fällt sie ihm ins Wort.
„Kalt.“
„Du hast einen Herzfehler und darfst dich nicht aufregen?!“
„Ganz kalt.“
Sie schnuppert demonstrativ an ihren Achseln. „Ich muss mal wieder duschen???“
Matteo lacht. Nach einer kurzen Pause erklärt er: „Du bist so ein wunderbares Geschöpf, ich merke, wie ich mich gerade in dich verliebe…“
„ABER…???“ Sie schaut ihn erwartungsvoll an.
„Ich mache mir nichts aus Sex.“
„He?“
„Ich empfinde Sex als eine sonderbare Betätigung. Ich verstehe nicht, warum ich Sex haben sollte. Das ist alles befremdlich für mich.“
Jana hält ihn an seinen Schultern und wendet ihn prüfend im Licht der Esstischlampe hin und her.
„Du nimmst mich auf den Arm!“, befindet sie schließlich.
„Ich genieße diesen romantischen Moment mit dir so sehr, ich fühle mich in deiner Nähe wohl, wie schon lange nicht mehr. Es tut mir Leid, wenn ich dich jetzt enttäusche und dir den Abendflug auf deinem Teppich verderbe. Du darfst gerne eine Vase nach mir werfen, mich anschreien und rausschmeißen.“
„Nichts da...“, Jana sieht ihm aus nächster Nähe in die Augen, „...immerhin habe ich eine Portion Spaghetti in dich investiert.“ Matteo seufzt und lächelt und blickt an die Decke und macht eine hilflose Bewegung mit den Achseln. Da nimmt Jana seine Hand und zieht ihn ins Wohnzimmer. Dort liegt er: ein weicher Berber, nicht übermäßig groß, ein Sitzkissen und ein paar Kopfkissen mit orientalischen Mustern tummeln sich darauf. In einem arabischen Windlicht entzündet Jana eine Kerze. Sie lehnt sich an Matteo, der etwas verloren in der Szenerie steht, schmiegt sich eng an ihn und fragt leise: „So okay?“
Matteo nimmt sie fest in beide Arme und Jana beginnt, sich langsam an ihm zu reiben, wobei sein linker Oberschenkel zwischen ihre Beine rutscht. Er spannt seine Beinmuskeln an und seine Hände auf Janas Rücken spüren ein Zittern. Irgendwann fällt wie von selbst ihre Schlabberhose zu Boden, ihr lila Höschen zeigt eine dunkle Stelle im Schritt. Jana drückt Matteo auf den Teppich und legt sich neben ihn, ein sehnsüchtiges Bein demonstrativ um seinen Körper geschlungen. „Ist das okay für dich?“, fragt sie leise.
Er sieht in ihre braunen Augen, flüsterrt: „Ich möchte, dass es für dich okay ist.“, und beginnt so sanft wie möglich, das knisternde Bündel elektrischer Hochspannung neben ihm zu berühren, zu streicheln, zu erkunden, scheinbar endlos zu liebkosen. Jana gibt eine Reihe leiser, klagender Laute von sich, bis sie sich aufbäumt. Sie rollt sich mit fest zusammengepressten Knien ein und schmiegt sich in Matteos Arme.
Obwohl die Zeit eigentlich stehengeblieben sein sollte, hebt sich das Fenster irgendwann durch einen leisen Grauton vom Dunkel der Wand ab. Auf dem Teppich liegen unter einer Decke zwei Körper, eng umschlungen.
„Für jemand, der sich nichts aus Sex macht, kennst du dich aber verdammt gut aus, mein Lieber“, flüstert Jana und zieht die Decke fester um ihren nackten Körper.
„Man sieht nur mit den Händen gut“, entgegnet Matteo.
Jana kichert und tastet nach seiner Hose: „Und dein kleiner Prinz?“
Matteo nimmt ihre Hand und küsst sie zärtlich: „Der kleine Prinz ist nun mal von Natur aus kein Feuerwehrmann, glaub mir. Aber er ist trotzdem sehr glücklich auf deinem fliegenden Teppich. Oder gerade deswegen.“
Jana küsst Matteo leicht auf die Schläfe und maunzt in sein Ohr: „Deshalb ist wohl das Feuer auch noch so heiß?!“ Sie verschwinden beide unter der Decke, um nachzusehen. Das Kobaltblau vor dem Fenster wird zu einem Farbton wie edles Leinen werden, bevor beide schließlich Arm in Arm einschlafen.